Ludwig Erhard gilt als Vater der Sozialen Marktwirtschaft und als Verantwortlicher für das Wirtschaftswunder. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er unter Konrad Adenauer der erste Wirtschaftsminister und von 1963 bis 1966 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Jahrelang hatte Adenauer regiert. An die Koalition zwischen FDP und CDU unter Adenauer war die Bedingung geknüpft, dass Adenauer als Kanzler innerhalb der Legislaturperiode zurücktreten würde und ein Nachfolger bestimmt werde. Dieser Nachfolger war, unter heftiger Widerrede des ersten Bundeskanzlers, Ludwig Erhard: Als Wirtschaftsminister hoch angesehen und erfolgreich, als Bundeskanzler nach kurzer Zeit von seiner eigenen Koalition faktisch zum Rücktritt gezwungen. Grund dafür war ein Autoritätsverlust in den eigenen Reihen. Erhard war zu wenig Politiker und zu stark Wissenschaftler – so sind sich viele Menschen, die sich mit seinem Wirken beschäftigen, einig.

Tatsächlich war der erste Bundeswirtschaftsminister zuvor nie wie Konrad Adenauer Oberbürgermeister oder in einem anderen politischen Amt tätig, sondern hat als Ökonom gewirkt. Wie dachte der Wirtschaftswissenschaftler Erhard zu Umwelt- und Klimaschutz? Das Phänomen der Klimakrise war ihm bekannt – einem Politiker, der für das Amt des Bundeskanzlers in die CDU eingetreten ist, sich aber zeit seines Lebens mit der FDP stärker verbunden fühlte, was man auch daran erkennt, dass wohl kaum jemand anderes in diesem Maße mit dem Schlagwort „Freiheit“ verbunden wird.

Nach dem Krieg

Ludwig Erhards Zeit als Politiker wird nicht mit Umweltschutz verbunden. Das hat auch einen Grund, der vermutlich generell alle Politiker*innen der damaligen Zeit betraf: „[Ökologische Themen standen] noch nicht im Fokus der politischen und wirtschaftlichen Debatte. Das primäre Ziel der Sozialen Marktwirtschaft war es, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Sicherheit zu schaffen. Themen wie nachhaltige Ressourcennutzung oder Umweltpolitik hatten damals nicht die gesellschaftliche und politische Relevanz, die sie heute haben“, so Irina Hahn, Leiterin der Museumspädagogik beim Ludwig-Erhard-Zentrum.  Der Wiederaufbau sowie wirtschaftlicher Aufschwung hatten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oberste Priorität. Ludwig Erhard selbst hat dieser Vorwurf, es würde nicht genug gegen Umweltzerstörung unternommen, offensichtlich beschäftigt.



Im Jahr 1972, also mehrere Jahre nach seiner Kanzlerschaft, als Umweltthemen präsenter wurden, schrieb Erhard in Bezug auf Nachhaltigkeit:

„Wenn z. B. heute unwidersprochen und ohne Besinnung die oberflächliche Feststellung getroffen werden darf, daß die Bundesregierungen nach 1948 der Erfüllung von Gemeinschaftsaufgaben nicht gerecht geworden seien, dann scheint doch immerhin der Einwand berechtigt, daß zu jener Zeit das deutsche Volk anderes Verlangen trug – das nämlich, wieder ein menschenwürdiges Dasein führen und volks- und privatwirtschaftlich nützliche Arbeit leisten zu dürfen -, ja satt werden zu können. Das sei all den Snobs gesagt, die sich heute ohne eigenes Erleben und ohne auch nur den Schein eines Geschichtsbewußtseins als Zensoren aufspielen möchten.“

Albrecht Ritschl (© Albrecht Ritschl)

Erschwerend hinzu kamen, so der Wirtschaftshistoriker Albert Ritschl, Kriege (im speziellen Fall ein „Kalter Krieg“), die damals wie heute im Fokus standen – und ein teilweise recht geringer Handlungsspielraum für Erhard wegen seiner kurzen Kanzlerschaft. Trotzdem ist für eine umfassende Betrachtung von Ludwig Erhards Umweltpolitik zu beachten, dass die Folgen der Umweltzerstörung damals deutlich sichtbar und bekannt waren. Sogar Folgen in der Atmosphäre wurden in Betracht gezogen. Man hätte stärker handeln können.

Volk ist Teil des Staates

Ludwig Erhard war überzeugt davon, dass das Volk Teil des Staates sei. Wenn Menschen vom Staat fordern, dass dieser sich um die „Reinhaltung der Luft und des Wassers sorgen“ und „die Verkehrsverhältnisse ordnen“ müsse, dann „muß der Staatsbürger begreifen, daß er damit im letzten Grunde sich selbst anspricht.“ Erhard erklärt, dass der Staat in seinen Handlungen den Willen des Volkes widerspiegele. Wenn also zu wenig für den Gewässerschutz getan werde, liege das laut Erhard daran, dass es nicht genügend Einsicht in der Bevölkerung für die Notwendigkeit von Gewässerschutz gebe. Grund dafür sei ein mangelnder Willen zum Verzicht:

„Es gibt keine Leistungen des Staates, die sich nicht auf Verzichte des Volkes gründen.“

Auf eine gewisse Art und Weise kritisierte der zu diesem Zeitpunkt ehemalige Bundeskanzler diesen fehlenden Willen zum Verzicht, um den es natürlich beim Klimaschutz nicht nur geht. Er sagte indirekt, man solle mangelnden Handlungswillen nicht den Politiker*innen, sondern dem Volk vorwerfen. Später wird er mit seiner Kritik an der Bevölkerung direkter: „Aus solchem Widerstreit der Interessen erwächst kein organisches Ganzes, so lange die Beteiligten bewußt oder unbewußt der Devise huldigen, daß gerade das und nur das recht sei, was ihnen nütze.“ Dabei zieht er die Politik aus der Verantwortung heraus und beachtet in seiner Argumentation nicht den Umstand, dass manche Maßnahmen beschlossen werden und beschlossen werden können, hinter denen die Bevölkerung nicht mehrheitlich steht.

In der Wochenzeitung DIE ZEIT aus dem Jahr 1958 vertrat der damalige Wirtschaftsminister eine ähnliche Meinung. Es ging um die „Realitäten des Lebens und die materiellen Umweltbedingungen“, die damals nicht unbedingt auf Ökologie zu beziehen waren. Es sei wichtig, so Erhard, „das Atmosphärische des Geschehens sowie das Verhalten der Menschen in das Kalkül einzubeziehen.“ Sowohl im Jahr 1958 als auch im Jahr 1972 ist Erhard sich dessen bewusst, dass man nicht immer über die Köpfe der Bevölkerung hinweg Politik machen kann. In der ZEIT aber hört sich das weniger negativ an als später. Er spricht nicht davon, dass bestimmte wichtige Maßnahmen aufgrund von mangelndem Willen zum Verzicht nicht möglich sind, sondern nur davon, dass die Meinungen und das Verhalten des Menschen in politisches Kalkül einbezogen werden müssen. Wenn man von „Kalkül“ spricht, behält die Politik letztlich die Kontrolle über das Geschehen. Wenn man aber die Aussage trifft, dass die Bevölkerung sich bei politischen Forderungen eher selbst anzusprechen hat, klingt das nach Kontrollverlust, den Erhard ja wirklich erlebt hat.


Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F015320-0001 / Patzek, Renate / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5451838


Freiheit

Für Ludwig Erhard war es wichtig, dass „Freiheit“ nicht nur eine leere Floskel ist: „Es muß unser unablässiges Bemühen sein, die Werte, die unsere Verfassung setzt, ins Bewußtsein aller Bürger zu rücken und es immer wieder deutlich zu machen, daß Freiheit mit Verantwortung gepaart sein muß, wenn sie nicht chaotisch entarten soll.“ Erhard schreibt über die Werte aus der Verfassung. Er warnt auch davor, dass einige Menschen in einem „Irrwahn eine Gesellschaftsordnung mutwillig zerstören“ könnten, weil sie den „Boden der Wirklichkeit“ verlassen haben. Das gehöre auch zum Bereich der Ökologie. In Verbindung mit anderen Aussagen von Ludwig Erhard aus seiner Zeit als Altbundeskanzler, die sich auch explizit auf Umweltschutz beziehen, lässt sich trotzdem eine erstaunlich progressive Sicht erkennen.

Zu einer vollständigen Ausdeutung der Begriffe „Ökologie“ und „Umweltgestaltung“ gehöre vor allem auch die Redefreiheit. Es sei wichtig, so Erhard nochmal an anderer Stelle, „daß selbst der Zorn der freien Rede respektiert wird oder daß ein Mann, der aus innerer Überzeugung ein kritisches Wort gegen Andersdenkende wagt, nicht der Verunglimpfung freigegeben ist. Wer den Gegner immer nur als Feind erkennt, bezeugt damit wenig Selbstbewußtsein. Und wer aus Furcht vor solchen Angriffen schweigt, wird schuldig.“ Für Ludwig Erhard waren viele Themen mit dem heutigen ökologischen Sinne von „Umwelt“ untrennbar verbunden.


Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5448680


Erhard machte auch auf etwas aufmerksam, das aktuell von vielen Verfechter*innen des Umweltschutzes gesagt wird. Er erklärte, wie viele Ereignisse in der Geschichte der Menschheit mit „Umweltgestaltung“ zu tun haben. Das sei nicht zu leugnen. Er erkannte die Relevanz der Umweltgestaltung an. Ob er über Umwelt im Sinne von „alles, was uns umgibt“ oder „Ökologie“ schreibt, ist nicht immer ganz eindeutig. Wahrscheinlich meint er eine Mischung aus beidem, so lässt sich aus dem Kontext seines Aufsatzes „Der Mensch in seiner sozialen und wirtschaftlichen Umwelt“ erahnen.

Wirtschaft

In mehreren Texten setzt sich Ludwig Erhard nach seiner Kanzlerschaft mit dem Thema „Umwelt“ auseinander. Rückblickend möchte er augenscheinlich Missverständnisse klären und Vorwürfe aus dem Weg räumen. Er erklärt, weshalb er nicht alles Mögliche gegen Umweltzerstörung getan hat – weil die Akzeptanz in der Bevölkerung fehlte – und verteidigt sein Konzept der Sozialen Marktwirtschaft gegenüber sozialistischen Gedanken. In einem zusammen mit dem Ökonomen und Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft Alfred Müller-Armack 1972 veröffentlichten Aufsatz wurde ausführlich erklärt, weshalb die Umweltzerstörung nichts mit Sozialer Marktwirtschaft zu tun habe. „Die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft ist den Herausforderungen der Zukunft, ist der Herausforderung der Umweltgestaltung gewachsen“ und „Umweltverschmutzung gibt es nicht, weil es das marktwirtschaftliche Prinzip gibt, sondern weil dieses Prinzip in der Produktion nicht durchgängig Anwendung gefunden hat.“ Diese Gedanken führt Erhard aus. Laut Müller Armack sei die Marktwirtschaft ein „variabler Rechnungs- und Signalapparat“. Darauf beruft sich Erhard und erklärt, dass ebendieser Signalapparat nicht gut funktioniere, wenn man meine, dass Luft und Wasser kostenlos zur Verfügung stünden, was falsch sei:

„Der Kampf gegen Luftverschmutzung und Wasserverunreinigung erfordert daher erhebliche Kosten, weil z. B. Wasser mit staatlichen Geldern wieder für den menschlichen Bedarf aufbereitet werden muß oder die Bevölkerung soziale Kosten insofern tragen muß, als der Gesundheitszustand durch Luftverschmutzung und Wasserverunreinigung beeinträchtigt wird.“

Auch hier nutzt Ludwig Erhard Argumente, die heutzutage in einem eher politisch linken Spektrum angeführt werden.

Er stellt fest, dass es falsch wäre zu behaupten, dass die Industrie gar nichts gegen Umweltzerstörung unternehme. Angeführt werden konkrete Zahlen, wie viel Geld die Wirtschaft in die Hand nimmt, um die Luftverschmutzung einzudämmen. Man möchte nun sagen, dass diese Aussage für zu wenig Einsatz gegen Umweltzerstörung und zu viel Wirtschaftsnähe vonseiten der Politik spricht, doch das wäre übereilt.

Im Bundesarchiv haben wir ein Dokument gefunden, das von einem Austauschprogramm zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland zur Verbesserung der Umweltpolitik beider Länder berichtet. Das Austauschprogramm wurde in Erhards Kanzlerzeit durchgeführt. In den Akten aus dem Bundeskanzleramt befindet sich auch ein Bericht von Professor Heinz Fortak (FU Berlin). Wir haben ihn kontaktiert und mit dem Meteorologen und Bundesverdienstkreuzträger sprechen können. Er ist 99 Jahre alt und war Vorreiter mit dem sogenannten „Bremer Modell“, das erstmals versuchte, die Ausbreitung von Schadstoffen in der Luft vorherzusagen.

Er erzählte uns, wie er mit seinem Fachbereich konkret an politischen Maßnahmen beteiligt war und wie die Industrie damals auf die Warnungen aus der Wissenschaft reagiert hat:

„Die Industrie hat wirklich auch die Beschränkungen der Emissionen, die wir vorgegeben haben, beachtet. Das war eine sehr fruchtbare Zeit, vor allen Dingen zwischen uns und den Vertretern der Industrie. Die Industrie war immer willens, unseren Anregungen zu folgen. Wir haben sehr, sehr gute Kontakte mit den leitenden Personen der Industrie gehabt. Es war also damals überall der Wille da, die Luft sauber zu halten.“

Professor Fortak (links: 1961, rechts: 2023)

Wenn Ludwig Erhard also die Industrie in Schutz nimmt oder lobt, heißt das nicht, dass er versucht, die Industrie aus der Verantwortung zu ziehen.

Prof. Fortak: „Es gab immer wieder Industrie-Rußniederschlag im Ruhrgebiet. Dieser Ruß belastete die Menschen. Zum Beispiel wurde die zum Trocknen aufgehängte Wäsche schmutzig. Durch Inversionswetterlagen mit Smog starben auch Menschen. Das war nicht hinnehmbar. Durch meine Arbeit wurde dann tatsächlich im Bereich des Umweltschutzes etwas geändert. Sogar die Ruhr wurde binnen weniger Jahre ein sauberer Fluss, dadurch, dass die Industrie Abwässer nicht mehr unbedingt im Fluss entsorgte. Da hat man etwas unternommen und das Ruhrgebiet wurde deutlich sauberer. Das war insbesondere der Verdienst von Herrn Dr. ing. Dreyhaupt [Anm. d. Red.: damals einflussreicher Abteilungsleiter der Umweltschutzabteilung im nordrhein-westfälischen Arbeits- und Sozialministerium]. Er setzte sich vehement für die Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse ein.“ Und die Industrie, haben wir gehört, war kooperativ und immer bemüht um Verständigung.  […] Es wurde tatsächlich innerhalb weniger Jahre eine deutliche Verbesserung erzielt.“

Umwelt-Magazin: „In welcher Zeit war das?“

Prof. Fortak: „In den 60er-Jahren; das war in der Zeit von Ludwig Erhard.“

Erhard hat nicht unbedingt die Industrie verteidigt, sondern ihr auch etwas zugemutet: Er forderte immer wieder, dass Unternehmen in ihrer Umweltzerstörung beschränkt werden müssten.

„Der Schutz der Bevölkerung vor Umweltschäden macht es notwendig, dass die Wirtschaft ihre soziale Verpflichtung bei der Entwicklung der Technik durch Maßnahmen zur Abwehr von Schäden für die Menschen erkennt und verwirklicht.“

Das hat Ludwig Erhard nicht 1970 geschrieben, sondern ist Bestandteil seiner ersten Regierungserklärung 1963.

Wir haben mit einer noch lebenden Zeitzeugin aus dem Umfeld Erhards gesprochen, die namentlich nicht genannt werden möchte. Viele Aussagen durften wir nicht zitieren und waren auch nicht wirklich an unser Artikelthema gekoppelt, aber eine relevante Aussage soll hier doch erwähnt werden. Ludwig Erhard habe Umweltschutz schon damals beschäftigt. Handeln habe man nicht wirklich können, aber „das Bewusstsein für die Notwendigkeit [von Klimaschutz] war schon geboren und wurde ab 1966, dem Jahr, als Erhard die Politik verließ, auch politisch aufgegriffen.“

Wie Erhard heute gehandelt hätte, wenn er von der Dringlichkeit der Klimakrise gewusst hätte, wollen wir nicht mutmaßen.

Dringlichkeit von Umweltschutz

Mal wieder zu den 70er Jahren:

„Das Problem der Umweltverschmutzung darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Ein europäisches Konzept gegen Umweltverschmutzung ist erstrebenswert, darf aber nicht als Anlaß dienen, das Problem zunächst einmal zu vertagen. Denn es ist unsere Umwelt, die wir verschmutzen. Und die nachfolgende Heilung des Umweltschadens ist auch für die Industrie insofern teurer, als immer mehr Steuern darauf verwendet werden müssen. Und dies spürt auch die Industrie selbst.“

Immer wieder schreibt Ludwig Erhard nach seiner Minister- und Kanzlerzeit, wie wichtig ihm Umweltschutz war und ist.

„Nein – es geht nicht darum, die Umweltverschmutzung zuzulassen und das hinterher zu reparieren, sondern Ziel der gesetzlichen Bestimmungen ist die Verhinderung von Umweltschäden beim Produktionsprozess selbst.“

Erhard begründet diese Wichtigkeit mit sozialen Folgen. Er argumentiert mit „Menschenfreundlichkeit“. Er warnt konkret davor, dass Sozialismus wieder aufblühen könnte, weil die Formel „Weil du arm bist, mußt du unter der Umweltverschmutzung leiden.“ zu Klassenkampfparolen führen könne. Aus heutiger Sicht ist klar, dass ärmere Menschen stärker unter der Umweltzerstörung zu leiden haben als reichere Bürger*innen, doch damals war diese Einsicht weniger stark verbreitet.

Die Umweltzerstörung drohe seit einiger Zeit nicht mehr nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch die Menschen zu vergiften, so Erhard. Auch die Beziehung zwischen den Menschen werde vergiftet. In der Gesellschaft werde deshalb immer stärker nach Schuldigen gesucht. Und schon erneut:

„Daß eine rasche Beseitigung dieses Übels Kosten verursacht, die sich zwangsläufig auch in höheren Preisen für einzelne Produkte niederschlagen, sei gar nicht bestritten, aber noch unbestrittener ist die wachsende Einsicht, daß das Übel fortdauern zu lassen den Bürgern und Steuerzahlern in ihrer Gesamtheit mit den schwindenden Chancen einer Heilung noch sehr viel mehr auch an materiellen Opfern abverlangen wird.“

Aus zahlreichen Reden lässt sich ein immer gleiches Motiv für Umweltschutz herausarbeiten: Umweltzerstörung ist noch teurer als Umweltschutz. Dass Ludwig Erhard damit etwas erkannt hat, was Wissenschaftler erst Jahrzehnte danach konkret ausrechnen konnten, ist sicherlich bemerkenswert. Auch über diese damaligen Unsicherheiten in Bezug auf die Ausmaße der Folgen durch Umweltverschmutzung schrieb Erhard. Wie diese zerstörte Umwelt in der Zukunft sich auf den Körper und die Psyche, damit auch auf die Leistung, die ein Mensch aufbringen kann, auswirke, ließe sich selbst von den besten Ökonomen nicht abschätzen. Es gehöre für eine Bewertung der Konsequenzen die eigene Vorstellungskraft dazu. Allein die Möglichkeit, größere negative Folgen aufgrund von Umweltzerstörung erleiden zu müssen, genügte Erhard als Grund für Umweltschutz.

Aus heutiger Sicht spannend ist eine Aussage von Ludwig Erhard aus dem Jahr 1971, die die meisten als Argument gegen „grüne Verbotspolitik“ werten würden. Es ging dabei darum, dass immer weiter reichende Vorschriften und eine perfektionistische Regelung die Gesellschaft „veröden“ und „entseelen“ würden. Städte sieht Erhard nicht nur positiv – lässt sich aus den nachfolgenden Sätzen über positiv zu bewertende natürlichere Dörfer entnehmen. Die darauffolgenden Sätze sind nicht ganz eindeutig formuliert, aber es scheint so zu sein, dass die durchgeplanten Städte für Erhard ein Ergebnis aus zu vielen Vorschriften sind. Es geht keineswegs um Maßnahmen im Sinne der Umweltpolitik, die Erhard als störend empfindet.

Kosten

Mit aller Härte war Ludwig Erhard gegen das unnötige Ausgeben von Geld. Dies sei ein hartes Muss und zwingendes Gebot für seine Regierung, stellt er in seiner ersten Regierungserklärung dar. Auch mit Konsequenzen drohte er. Würde es ihm heutzutage um Verschuldung für Umweltschutz oder Subventionen für umweltschädliche Projekte gehen? Man weiß es nicht genau.



Ludwig Erhard forderte immer wieder dazu auf, das „enge Ressortdenken“ zu überwinden. Man solle sich als Minister als „Mitglied des Gesamtkabinetts verantwortlich fühlen“. Der Bundeskanzler war also darauf bedacht, dass man nicht nur versucht, für sein Ressort am meisten herauszuholen, sondern für das Land – für das Gemeinwohl, das wiederum theoretisch den Erhalt unserer Lebensgrundlagen beinhaltet. Ob er diesen Gemeinwohl-Aspekt aber im Kopf hatte, ist unklar.

Erhard-Biograph Prof. Dr. Volker Hentschel nimmt an, wenn Umweltschutz damals ein wirklich relevantes Thema gewesen wäre, hätte Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister „ohne langes Bedenken die Marktfreiheit und das industrielle Wachstum gegen den Umwelt- und Klimaschutz verteidigt, ebenso entschieden und verbohrt, wie er sie als Wirtschaftsminister gegen die Einigung Europas und die seinerzeit dringend erforderliche Rentenreform glaubte verteidigen zu müssen. Erhard vermochte andere Zwecke und Ziele von Politik schlechterdings nicht als vorrangig anzuerkennen.“

Aus Erhards getätigten Aussagen lässt sich tatsächlich nicht eindeutig erschließen, ob er bereit wäre, für Umweltschutz erhebliche Ausgaben zu veranlassen. Man solle sich zwar, so Erhard „hinsichtlich der materiellen Anforderungen an den Haushalt über eine Rangordnung der Werte verständigen und in gerechter Abwägung der Notwendigkeiten und Dringlichkeiten in gegenseitiger Rücksichtnahme auch Teillösungen zu akzeptieren bereit“ sein. Man solle „das Ganze bedenken und alles Handeln an gemeinsamen Zielen messen.“ „Wenn wir von Wirtschafts- und Agrarpolitik, von Sozial-, Steuer- oder Verkehrspolitik sprechen und in der ressortmäßigen Behandlung dieser Fragen Fortschritte zu erzielen suchen, so wird diese Arbeit vom Ganzen her gesehen doch erst sinnvoll und fruchtbar, wenn sie sich an einem gesellschaftlichen Leitbild orientiert.“ Aber: Es ist weiterhin nicht ganz eindeutig, ob Erhard bei dem gesellschaftlichen Leitbild auch Umwelt miteinbezieht.

Verkehrspolitik

Die im vorangegangenen Zitat thematisierte Verkehrspolitik wollte Erhard weiter vom Auto weg zu einer Gleichberechtigung von ÖPNV, Fahrrad und Auto führen:

„Die Wettbewerbsverhältnisse zwischen den Verkehrsträgern müssen neu überdacht werden, vor allem im Hinblick darauf, daß jedem von ihnen diejenigen Leistungen zufallen, zu deren Bewältigung sie auf Grund ihrer technischen und kostenwirtschaftlichen Eigenart besonders geeignet sind. Das heißt, daß die Verkehrspolitik nicht nur den von der Öffentlichkeit in erster Linie darunter verstandenen Straßenbau im Auge zu haben hat. Die Tarifpolitik ist ein nicht minder wichtiges Instrument der Verkehrspolitik.“


By Bundesarchiv, B 145 Bild-F021062-0002 / Gerhard Heisler / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5452784


Das formulierte er in seiner ersten Regierungserklärung. Später schrieb er:

„Jeder einzelne Bürger ist selbst aufgerufen, sich aktiv an der Verschönerung der Umwelt zu beteiligen. Man kann das Auto in der Garage lassen und zur Arbeit oder ins Wochenende mit dem Fahrrad fahren. Dies verpestet nicht die Gegend, macht den Körper ‚fit‘ und bringt wochentags vielleicht sogar eine Zeitersparnis, weil es weniger Verkehrsstockungen gibt. Man braucht auch keine Einwegflaschen zu kaufen. Sicher mag ein bißchen Selbstdisziplin am Anfang lästig sein, vor allem, weil man es nicht gewohnt ist, dient aber der Gesellschaft und letztlich dem einzelnen auch selbst.“

Neben der Erkenntnis, dass Ludwig Erhard grundsätzlich für eine nachhaltigere Verkehrspolitik war, könnte auffallend sein, dass er als Politiker die Bürger zu mehr Selbstdisziplin aufforderte. Wir erinnern uns an den Aufschrei aus den Reihen der CDU und FDP, als Robert Habeck dazu aufgerufen hat, ein bisschen kürzer zu duschen.

Konsum

Erhard hat die Jugend mehrfach für ihr unverantwortliches „Geldverdienen- und
Versorgtsein-Wollen[ ]“ kritisiert.

„Die Menschen haben es zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr wird es ihnen gelingen, jenes eherne Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen.“

„Wir spüren es fast handgreiflich, dass mehr Konsum die Menschen nicht glücklich werden lässt und dass mehr materieller Wohlstand noch keine Bürgschaft für ein harmonisches Zusammenleben der Menschen und Völker bietet“

Die „Maßlosen“ nennt er „Feinde des deutschen Volkes“.

„Die wachsende Produktion allein hat keinen Sinn. Lassen wir uns von ihr völlig in Bann schlagen, geraten wir in solcher Jagd nach materiellen Werten in den bekannten Tanz um das Goldene Kalb. In diesem Wirbel aber müssten die besten menschlichen Eigenschaften verkümmern: der Gedanken an den ‚anderen‘, an den Menschen neben uns. Das Gefühl für Dinge, die sich wie etwa die Vorsorge für die Zukunft unserer Kinder – nicht unmittelbar zu lohnen scheinen“

Konsum, der sich nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientiert (Überkonsum also) und den wir heute in hohem Maße für die Klimakrise verantwortlich machen können, war Ludwig Erhard also schon damals ein Dorn im Auge.

Energie

Über erneuerbare Energien wurde kaum gesprochen. Es ging vor allem um Kohle und Öl.

„Als Wirtschaftsminister spielte er eine besonders wichtige Rolle in der Frage des Schrumpfens der Kohleindustrie und des Wachstums der Ölindustrie.  In diesem Zusammenhang wandte er sich gegen Adenauers Wunsch, die Ruhrkohle zu subventionieren. Erhard befürwortete die Ablösung der Kohle durch Öl aus wirtschaftspolitischen Gründen, da Öl wirtschaftlicher war,“ meint Alfred C. Mierzejewski, Biograph von Ludwig Erhard. Aus heutiger Sicht ist das umweltpolitisch ein Fortschritt, doch damals ging es eher um die wirtschaftlichen Aspekte. Man könnte nun darauf schließen, dass Erhard heutzutage nur noch auf Erneuerbare setzen würde, da diese günstig sind. Ganz so sicher ist das nicht, denn um einen Stopp aller Kohlekraftwerke ging es natürlich nicht.

Werner Heisenberg – © Von Bundesarchiv, Bild 183-R57262 / Autor/-in unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436254

Atomkraft war ein Thema der Forschungspolitik. Das geht auch aus einem Briefwechsel zwischen Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg, befreundeten Wissenschaftler*innen und Ludwig Erhard hervor, der im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin zu finden ist.

Heisenberg scheinen die Anstrengungen der Regierung Adenauer für Kernkraftforschung nicht groß genug gewesen zu sein. Im Mai 1955 schreibt er an den Wissenschaftler Werner Finkelnburg: „Die Verschleppungen der Entscheidungen über den Reaktorbau macht auch mir sehr große Sorge.“ Es geht um den Mehrzweckforschungsreaktor Karlsruhe. Doch immerhin Erhard, schreibt Heisenberg, sei derjenige, der „im Kabinett am energischten [sic!] für schnelle Entscheidung in diesem Gebiet eintrat.“

In einem anderen Brief, diesmal von Ludwig Erhard geschrieben, bedankt dieser sich für Heisenbergs Ausführungen, fordert aber ausdrücklich, dass mögliche negative Folgen wie Luftverschmutzung, Strahlenbelastung und Abwasserverschmutzung mit Sachverständigen ausführlich erörtert werden, bevor der Forschungsreaktor gebaut wird.

Deutsch-Amerikanisches Austauschprogramm

Auf ein anderes umweltpolitisches Projekt sind wir, wie schon erwähnt, durch das Bundesarchiv aufmerksam geworden. Ludwig Erhard und vor allem der US-amerikanische Präsident Lyndon Baines Johnson haben in den 60er Jahren eine Studienreise nach Amerika initiiert. Dabei sollte es unter anderem um folgende, aus einem Dokument zitierte, Themen gehen:

  • die Verunreinigung der Gewässer
  • Luftverunreinigung, einschließlich der Veränderung des Klimas durch Verschmutzung der Luft
  • Abfallbeseitigung
  • Lärmbekämpfung
  • Raumordnung und Städteplanung
  • Kohleforschung

Die Regierungen wollten voneinander lernen. Bundeskanzler Erhard hatte eher indirekt damit zu tun. Er wurde regelmäßig über den Stand des Programmes informiert und hat die Personen bestimmt, die sich auf deutscher Seite hauptsächlich beteiligen. Im Bundeskanzleramt sollte sich zudem eine Gruppe um das Gesamtproblem der „Umweltbeeinflussung“ kümmern. Der hochrangige Chef des Bundeskanzleramtes (nicht gleichzusetzen mit dem Bundeskanzler) wurde von Erhard beauftragt, die Leitung dieser Gruppe zu übernehmen. Das deutet darauf hin, dass Bundeskanzler Erhard das Thema nicht ganz unwichtig war. Professor Heinz Fortak, über den wir bereits geschrieben haben, war damals Direktor des Instituts für Theoretische Meteorologie an der Freien Universität Berlin und hat über das Problem geschrieben, dass die Messgeräte-Infrastruktur nicht ausreichend ausgebaut war. Es waren noch nicht genügend Daten vorhanden. Trotzdem: Das Thema wurde vom Bundeskanzleramt als zu behandelnde Problematik angesehen, vermutlich, weil man das Risiko einer Klimaveränderung als ausreichend für das weitere Befassen mit der Thematik hielt.

Aus den USA kamen von dem Präsidenten viele lobende Worte. Deutschland leiste Pionierarbeit, besonders im Bereich der Maßnahmen gegen Luftverschmutzung. Nebenbei: Es wird von der US-amerikanischen Studiengruppe bemerkt, dass in Deutschland eine erstaunliche Empfindlichkeit gegenüber Lärm vorherrsche. Diesen würden die Amerikaner nicht als Problem empfinden. Auch die Renaturierung von Kohlegruben in Deutschland stehe in „krassem Gegensatz“ zu dem Verfahren in den USA.

In einer Sammlung von Presseberichten über das Austauschprogramm befindet sich ein Artikel, in dem steht, dass Bundeskanzler und Präsident sehr zufrieden mit den Fortschritten wegen des Programms seien. Das Programm wurde also aktiv von den beiden Regierungschefs unterstützt.

Erhard: Mitglied der IPA

Ludwig Erhard war – auch als Bundeskanzler – im Gegensatz zu Konrad Adenauer Mitglied der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft (IPA), einer Vereinigung von Parlamentarier*innen, die sich für mehr Natur- und Umweltschutz einsetzten. Immer wieder wurde Erhard zu Sitzungen eingeladen, aber vor allem später auch in Form von Stellungnamen der IPA öffentlich kritisiert. Wolfgang Burhenne, ein vielfach ausgezeichneter Umweltschützer, hat im Nachhinein in einem Buch geschrieben: „Erhard setzte dem Wirtschaftswachstum im Grunde keine Grenzen. Infolgedessen boomte die Wirtschaft, und Deutschland erlebte später sein sogenanntes ‚Wirtschaftswunder‘. Ich stand dem jedoch skeptisch gegenüber, da dieses Wunder der Natur und den Ressourcen großen Schaden zufügte.“

Was von Ludwig Erhard bleibt

Auffällig bei unserer Recherche war, dass wir eine im Vergleich zum Adenauer-Artikel vielfache Zahl von Personen anschreiben mussten, um überhaupt Ansätze für unsere Recherche zu bekommen. Wir haben Historiker*innen, zahlreiche Archivare, Ökonomen, die Ludwig-Erhard-Stiftung, das Ludwig-Erhard-Zentrum, den Ludwig-Erhard-Initiativkreis kontaktiert und der Artikel ist der längste, den wir je geschrieben haben. Grund dafür sind hauptsächlich drei Texte aus den 1970er Jahren, die Erhard verfasst hat, nachdem er nicht mehr Bundeskanzler war. Die vorherrschende Meinung, mit der uns geantwortet wurde, war, dass wir mit Adenauer einen Glücksgriff getätigt hätten. Und das ist richtig, denn es war für uns sehr aufwendig, echte politische Maßnahmen oder nachhaltige Verhaltensweisen Erhards zu sammeln. Unser Artikel basiert zu großen Teilen auf im Nachhinein getätigten Aussagen, die in der Argumentation teils der aktuellen CDU-Linie widersprechen. Konrad Adenauer hat den wegen der Sozialen Marktwirtschaft entstandenen wirtschaftlichen Aufschwung aus politischen Gründen zwar grundsätzlich positiv gesehen, aber die daraus resultierenden Umweltschäden hielt er für nicht vertretbar. Ludwig Erhard dagegen hat Adenauer für dessen fehlendes Engagement im Bereich der Luftverschmutzung kritisiert. Vor allem aus den im Nachhinein getätigten Aussagen aber kann man sehr gut ablesen, wie Erhard zu Umweltschutz stand. Er hielt ihn für extrem wichtig, erhoffte sich einen Wettbewerbsvorteil, mahnte wegen der Kosten, die durch ungenügend Umweltschutz entstehen, hat sich mit möglichen zukünftigen Folgen durch die Klimakrise auseinandergesetzt und diese auch ernst genommen. Das alles ist über 50 Jahre her und etliche Politiker*innen der CDU und FDP scheinen sich mittlerweile von Erhards Gedanken entfernt zu haben, in dem die Klimakrise nicht mehr von ihnen, sondern von linkeren Parteien, auf die Agenda gesetzt wird. Der Wettbewerbsvorteil wurde nicht ausgenutzt, es werden die Kosten von Umweltschutz betont, Konsequenzen und Risiken wegen Atomkraft oder aber auch aufgrund der Klimakrise werden wenig beachtet und Umweltpolitik macht wenig Fortschritte.

Wir danken

  • Andreas Schirmer (Ludwig-Erhard-Stiftung) für die entscheidenden Hinweise auf Erhards Aufsätze! Ohne Ihre Mails wäre dieser Artikel nicht im Ansatz so lang.
  • Hellmuth Linnemann (Bundesarchiv) erneut für seine unglaublich nette Unterstützung, Hilfe und das großartige Lektorat
  • Jürgen Rosebrock (Stiftung Naturschutzgeschichte) erneut für seine konsequente und schnelle Unterstützung unserer Kanzler-Projekte
  • Irina Hahn (Ludwig-Erhard-Zentrum) für ihre immer geduldigen Antworten auf unsere vielen nervigen Anfragen
  • Volker Hentschel (Wirtschaftshistoriker a. D.), Albrecht Ritschl (Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics and Political Science), Thies Claussen (Buchautor, unter anderem einer Biographie über Erhard), Hans Jörg Hennecke (Politikwissenschaftler, Handwerkskammer Düsseldorf)  und Alfred Mierzejewski (Historiker an der University of North Texas) für ihre netten und hilfreichen Antworten zu einem Thema, mit dem sich kaum jemand beschäftigt
  • Sabine und Heinz Fortak für das sehr spannende Interview – und die Flexibilität:)
  • Sarah Necker (Wirtschaftswissenschaftlerin an der FAU Nürnberg, Leiterin des ifo-Instituts), die uns mehrere entscheidende Kontakthinweise gegeben hat
  • Monika Ziegler (Kulturvision) für die Mails und die mit unseren Anfragen verbundene Mühe
  • Kristina Starkloff und Florian Spillert (Archiv der Max-Planck-Gesellschaft) für die zügige Zusendung der Archivalien und die langen, hilfsbereiten Mails
  • Die Expertisevermittlung der FU Berlin, die uns innerhalb kürzester Zeit den Kontakt zu Professor Fortak vermittelt hat
  • alle anderen, die uns geantwortet haben und maßgeblich dafür gesorgt haben, dass wir diesen Artikel nicht aufgeben. Lange Zeit haben wir einfach nicht genug Informationen zusammensammeln können

Quellen

Titelbild: Ausschnitt aus: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5448680

Peter Maffay ist der erfolgreichste Künstler in den deutschen Charts. Über 50 Jahre ist er einer der Top-Musiker Deutschlands. In diesem Jahr beendet er seine Karriere schrittweise. Maffay scheut sich nicht vor politischen Äußerungen. Gesellschaftliches Engagement ist ein wesentlicher Bestandteil seines Wirkens, ob man sich Tabaluga anschaut oder seine Stiftung. Mit einer erstaunlichen Deutlichkeit hat sich der Sänger in unserem Interview zur Umweltpolitik positioniert.


Das Interview wurde schriftlich geführt, was zur Folge hatte, dass wir leider keine Rückfragen stellen konnten. Nicht alle unserer Fragen wurden beantwortet. 

„Dann geben wir uns selbst und unseren wunderschönen Planeten auf.“

Umwelt-Magazin: Wir haben uns vor einiger Zeit beispielhaft mit einem Schüler*innen-Wettbewerb befasst: „My School Goes Green„. Warum unterstützen Sie den Wettbewerb?

Peter Maffay: Junge Menschen artikulieren ihre Lebensziele anders als die „ältere Generation“. Sie haben das Leben vor sich und damit andere Prioritäten. Das zu achten und zu beachten, ist Ziel von „My School Goes Green“. Die kommenden Generationen in Entscheidungsprozesse einzubinden, ist die Aufgabe und Verpflichtung unserer Gesellschaft. Darauf arbeitet „My School Goes Green“ hin.

Umwelt-Magazin: Welches Gefühl empfinden Sie, wenn Sie an die Klimakrise und die Zukunft denken?

Peter Maffay: Die Klimakrise ist das absolut übergeordnete Thema. Kein Aspekt in der Zukunft kommender Generationen ist wichtiger. Alle anderen sind untergeordnet. Wenn wir das nicht realisieren, verpassen wir den „Point of no return“. Dann geben wir uns selbst und unseren wunderschönen Planeten auf.

Heal the world

Umwelt-Magazin: Welcher Song auf der Welt fällt Ihnen ein, wenn Sie an die ökologischen Herausforderungen denken?

Peter Maffay: Michael Jackson – Heal the world.



Umwelt-Magazin: Was halten Sie von einem Tempolimit und welche Tempobegrenzung ist ihrer Meinung nach realistisch?

Peter Maffay: Wenn wir etwas wollen – z. B. in der Dimension von Tempolimit – ist es auch realisierbar. Es liegt also an uns – wenn wir es wollen und für sinnvoll halten – es umzusetzen.

Frieden

Umwelt-Magazin: Wenn Sie Bundeskanzler wären, welche Maßnahmen würden Sie als erstes umsetzen?

Peter Maffay: Frieden zu schaffen, statt Konflikte zu befeuern. Mit dem Frieden ist es wie mit dem Klima. Ab einem gewissen Punkt sind Prozesse nicht mehr rückgängig zu machen, weil die Eigendynamik zu groß ist. Wir enden in der Eskalation und ihren Folgen. Wir hätten die Möglichkeit, aus Erfahrungen der wahren Vergangenheit zu lernen. Wenn wir klug sind, tun wir das.

Umwelt-Magazin: Was sollte man aus dem Song „Eiszeit“ für sich mitnehmen?

Peter Maffay: Diese Vision darf nie Realität werden. Es wäre das Ende.



Der aktuelle Klima-Diskurs

Umwelt-Magazin: Sie haben mit Hinblick auf die AfD mal gesagt, die Gesellschaft müsse wieder mehr aufeinander zugehen und weniger ausgrenzen. Wie könnte das Ihrer Meinung nach ganz konkret gelingen und kann man dadurch auch den Klima-Diskurs in Deutschland retten?

Peter Maffay: Der Dialog ist der einzige zukunftsweisende Weg. Die radikale Ausgrenzung ist wie eine zerstörte Brücke, über die keiner mehr auf den anderen zugehen kann… Wenn wir uns dieser Möglichkeit versperren, erstarren wir und schaffen keine Lösungen.

Umwelt-Magazin: Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit Klimaleugnern umgehen?

Peter Maffay: Klimaleugner ignorieren die Realität. Sie verschließen sich vor Erkenntnissen und Fakten, die durch NICHTS widerlegt werden können. Wir müssen aktionsfähig bleiben, um lebensnotwendige Entscheidungen herbeiführen zu können. Das schafft man nur, einerseits und nach wie vor, mit den richtigen, belastbaren Argumenten und in der Folge durch Mehrheiten in der Gesellschaft.

Umwelt-Magazin: Danke dafür, dass Sie uns so nett auf einige unserer Fragen geantwortet haben. Danke für das Interview. Wir haben uns sehr gefreut, als wir Ihre Antwort bek0mmen haben.


Bildquelle:

Bild von Peter Maffay im Beitragsbild: Von Foto: Stefan Brending, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=97802917

Schon vor längerer Zeit haben wir mit Klimaforscher und -kommunikator Mojib Latif über fehlende Aufmerksamkeit dem Thema „Klimakrise“, seine Arbeit und seine Motivation gesprochen. Dass Latif sich eine halbe Stunde Zeit genommen hat, freut uns sehr. Wir haben ihn gefragt, was er eigentlich von Talkshows hält und wie man mit dem Rechtsruck unserer Gesellschaft umgeht.

Inhalt

Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, viel über den Inhalt von Interviews zu schreiben oder viel zu zitieren, da unsere Interviews als Gesamtes gesehen werden sollten und nicht als eine Sammlung von nicht zusammenhängender Fragen. Würden wir an dieser Stelle Teile des Interviews zitieren, würden wir anderes nicht zitieren. Man könnte denken, dass andere Aussagen weniger wichtig sind. Schaut euch gerne das gesamte Interview an.

Interview



 

Wir haben Professor Heinrich Detering interviewt. Er ist ein renommierter Literaturwissenschaftler und hat an verschiedensten Universitäten – zum Beispiel in Wuhan, Washington, Aarhus, Kiel und Göttingen – gelehrt. Er war Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und hat unter anderem das Große Verdienstkreuz mit Stern verliehen bekommen. Nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Schriftsteller, arbeitete er. In drei seiner Bücher geht es um die ökologischen Gedanken großer Autor*innen. Ein anderes Buch befasst sich mit der Rhetorik der AfD. 

Inhalt

Eine Stunde haben wir über Ökologie in der Literatur  und die Rhetorik der AfD geredet. Wir haben darüber gesprochen, ob er sich als links-grün-versifft betrachtet und wieso er Goethe, wenn er sich für jemanden entscheiden müsste, der umweltbewussteste Schriftsteller war. Heinrich Detering hat uns erklärt, wie schon vor Jahrhunderten ökologische und unglaublich aktuelle Themen präsent waren. Damit meint er keine unbekannten Personen, sondern weltbekannte Schriftsteller, die zu dem Thema schrieben.

Wir haben uns bewusst entschieden, nicht so viel Inhaltliches zu verraten, weil es immer dazu führt, dass wichtige Gedanken verloren gehen. Wir müssten uns entscheiden, etwas zu gewichten und das wollen wir nicht. Das Interview ist als etwas Zusammenhängendes zu sehen und nicht als Haufen verschiedener Fragen, die losgelöst voneinander betrachtet werden können.

Interview



 

Der Antrag des SSW ist gescheitert. Im Landtag fand sich keine Mehrheit für eine Bundesrats-Initiative, obwohl sich Ministerpräsident Daniel Günther im Interview mit uns offen für ein Tempolimit geäußert hat. Wir haben uns die Reden der Abgeordneten im Nachhinein nochmal angehört und beschlossen, diesen Fakten- und Argumentationscheck zu veröffentlichen.

zum Interview mit Daniel Günther

Worauf wir uns beziehen

Unser Fakten- und Argumentationscheck bezieht sich auf die Reden von Lukas Kilian, Claus Ruhe Madsen, Bernd Buchholz, Nelly Waldeck, Sybilla Nitsch und Niclas Dürbrook. In allen Reden außer bei der von Niclas Dürbrook haben wir missverständliche oder falsche Aussagen entdeckt, die wir hier korrigiert haben. Jeder hat im Vorfeld die Chance bekommen, den Text über die eigene Reden zu lesen und Stellung zu nehmen. Manchmal hat das zu Änderungen im Text geführt.



Bernd Buchholz, FDP

So langsam wie möglich

„Ein Teil dieses Mobilitätsgedankens ist es nicht: Wir wollen dabei möglichst solange wie möglich brauchen, sondern ein Teil dieses Mobilitätsgedankens ist es, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen.“ ~ Bernd Buchholz, FDP

Es redet niemand darüber, dass man so lange wie möglich für eine Strecke braucht, wenn man über ein Tempolimit spricht. Wenn man auf einer 100 Kilometer langen Strecke statt mit 130 km/h mit 160 km/h fährt, werden 8,5 Minuten eingespart. Wenn man sich zusätzlich Verkehrshindernisse wie Staus ansieht, könnte ein Tempolimit zeitlich sogar einen positiven Effekt ausmachen und zu einer Zeitersparnis führen. Ein Tempolimit von 130 km/h führt also nicht zu einer zeitlich längstmöglichen Fahrt.

Quellen:

Tempolimit für die Bahn

„[Die Deutsche Bahn hat Züge, die mehr als 400 km/h fahren, eingeführt,] weil es der Wunsch der Menschen ist, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Ob das Verkehrsmittel ‚Bahn‘ heißt oder ‚Auto‘. Und wenn das Verkehrsmittel ‚Bahn‘ heißt und man da über 400 km/h [fährt], dann gilt der Satz, der eben gesagt worden ist, bitteschön natürlich auch für die Bahn. Wenn die Bahn langsamer fahren würde, dann würde sie auch viel weniger Energie verbrauchen, also wäre es doch interessant zu wissen, warum die Deutsche Umwelthilfe kein Tempolimit für Hochgeschwindigkeitszüge fordert.“ ~ Bernd Buchholz, FDP

Züge, die Emissionen ausstoßen, fahren viel langsamer als Elektrozüge. Zudem verteilen sich die Emissionen auf mehr Menschen als in einem Auto. Es ist unbestritten, dass Zugfahren nachhaltiger ist als Autofahren. Auf der Website der Deutschen Bahn steht: „Im Vergleich zum Auto verursachen die Züge des DB-Fernverkehrs 99 Prozent weniger CO₂. Um genau zu sein 1 g CO₂e pro gefahrenen Kilometer. Das geht, weil unsere ICE-, IC- und EC-Züge mit 100 Prozent Ökostrom betrieben werden.“ Ein Tempolimit für Züge lohnt sich also weniger.

Quellen:

Emissionsfreiheit, kein Tempolimit

„Für das Auto, für den PKW, brauchen wir Emissionsfreiheit und dann sind wir doch… Also warum soll ich jemanden, der heute mit einem Zwölfzylinder auf der Autobahn 120 km/h fährt und dabei 15 Liter Diesel hintenrausjagt schlechter behandeln als jemanden, der mit einem Tesla und regenerativen Strom 180 km/h fährt und keinen Gramm CO2 ausstößt?“ ~ Bernd Buchholz, FDP

Wir vermuten, Herr Buchholz wollte statt „schlechter“ „besser“ sagen: „Also warum soll ich jemanden, der heute mit einem Zwölfzylinder auf der Autobahn 120 km/h fährt und dabei 15 Liter Diesel hintenrausjagt besser behandeln als jemanden, der mit einem Tesla und regenerativen Strom 180 km/h fährt und keinen Gramm CO2 ausstößt?“ und damit ausdrücken, dass von einem Tempolimit E-Auto-Fahrer*innen, die emissionsfrei unterwegs sind, betroffen wären. Neben Sicherheitsargumenten gibt es das Argument, dass der Stromverbrauch reduziert werden kann. Die eingesparte Energie kann effektiver genutzt werden und muss nicht durch übermäßig schnelles Fahren verbraucht werden.

Im Kontext mit unserem Interview auf Instagram lässt sich der nicht beendete Satz zu Beginn zum Beispiel so vervollständigen:

„Für das Auto, für den PKW, brauchen wir Emissionsfreiheit und dann sind wir doch gut davor.“

Das ist wahr, zumindest aus verkehrspolitischer Sicht wären wir gut davor. Doch wir sind es nicht. Rund 18 Prozent der im Juni 2025 neu zugelassenen Autos sind Elektroautos. Ungefähr 3,3 Prozent der PKWs in Deutschland sind rein elektrisch betrieben. Aktuell würde ein Tempolimit also sehr viel CO2 einsparen, da die allermeisten Autos Verbrenner oder Hybride sind. Dagegen, dass ein Tempolimit viel CO2 einspart, sagt Herr Buchholz nichts.

Quellen:

Gegenbeispiel Österreich

„Wenn es richtig wäre, dass ein Tempolimit dafür sorgt, dass Menschen, weil sie dann ja nicht so schnell fahren können, auch kleinere Autos kaufen würden – das sogenannte Downsizing-Modell… Also statt des SUV mit Sechszylinder oder Zwölfzylinder kaufen wir jetzt alle nur noch kleine Autos, die dann dementsprechend auch langsamer fahren und weniger ausstoßen, dann ist das Gegenbeispiel in Österreich erbracht. Im Österreich gibt es ein Tempolimit und der Durchschnitt, das durchschnittliche Fahrzeug, hat eine in etwa 200 cm³ größere Hubraumgröße als in Deutschland.“ ~ Bernd Buchholz, FDP

Je größer der Hubraum, desto mehr Leistung kann der Motor eines Verbrennerautos erbringen. Argumente sollten allgemeingültig sein. Von Daten eines einzelnen Landes lässt sich nicht auf eine Gesamttendenz schließen. Nur weil in Österreich, einem kleineren, gebirgigen, verkehrspolitisch anders aufgestellten Land die Hubraumgröße durchschnittlich größer ist, heißt das nicht, dass ein Tempolimit tendenziell zu kleineren Hubraumgrößen führt. Weltweit sieht das vielleicht ganz anders aus. Aus Buchholz‘ Aussage selbst lässt sich auch nicht entnehmen, wie die Hubraumgröße vor dem österreichischen Tempolimit und kurz danach war. Vielleicht ist diese kurzfristig gesunken, aber dann unabhängig vom Tempolimit langfristig gestiegen.

Wir haben bei Bundesamt für Statistik Österreich nachgefragt und alle Tabellen, die es zu dem Thema gibt, bekommen. Aus diesen Daten ergibt sich nicht, dass das Tempolimit in Österreich zu kleineren Hubraumgrößen geführt hat. Im Gegenteil, die Aussage von Herrn Buchholz ist höchstwahrscheinlich falsch. 1974 – Im Mai des Jahres wurde das Tempolimit eingeführt – liegt in einer Zeit, in der die Hubraumgrößen eigentlich jährlich gestiegen sind.


 

Aus den Daten zur Anzahl der Hubraumgrößen der gekauften Autos lässt sich vielleicht schon eine Tendenz erkennen. Um sicherer zu sein, haben wir jeder Hubraumgröße eine Zahl von 1-7 zugeordnet: Je größer die Hubraumgröße, desto höher die Zahl. Diese Zahl haben wir mit der Anzahl der Autos jeder Hubraumgröße multipliziert und dann durch die Anzahl der jeweiligen Hubraumgrößen geteilt. Daraus ergab sich ein ungefährer Mittelwert für jedes Jahr. Diese Art der Berechnung ist risikoreich, da immer nur Bereiche angesehen werden. Der Bereich „unter 500 ccm“ ist deutlich kleiner als der Bereich „3000 – 4000 ccm“ und trotzdem wird ihm eine Zahl zugeordnet, die am Ende gleich viel ins Gewicht fällt wie die Zahl für den Bereich von 3.000 bis 4.000 Kubikzentimetern. Auch dadurch, dass innerhalb eines Bereiches die Anzahl der gekauften Autos zum Beispiel eher an der unteren als an der oberen Grenze liegen könnten, wird das Ergebnis ungenau. Trotzdem ist die Tendenz auffällig und ein Hinweis: In den Jahren 1973 und 1974 sinkt nach der Berechnung die durchschnittliche Autogröße, während in den meisten Jahren davor und danach der Wert steigt. Zugegebenermaßen ist der beschriebene Unterschied zu den Vorjahren, der im Jahr des Tempolimit entsteht, eher gering, aber eben vorhanden. Ob dieser durch das Tempolimit entstanden ist, kann nicht gesagt werden. Es gibt viele Faktoren, die den Autokauf beeinflussen, so um die Zeit der Einführung des Tempolimits herum zum Beispiel die Ölpreiskrise, die viele Menschen vor Herausforderungen stellte.



Lasse Petersdotter kritisiert im Landtag Buchholz‘ Argumentation. Jedes Land mit einer geringeren SUV-Quote könne ein Gegenargument für seine Argumentation sein. Buchholz gibt zu: „Das ist ein Punkt, eindeutig“ und lacht, fragt aber nach, ob Petersdotter ein anderes Land benennen könne. Dieser antwortet mit „Nordkorea“. Das Plenum lacht, Buchholz geht zum Ende der Rede über.

Quellen:

Tempolimit für Verbrenner

[Zwischenfrage von der SPD:] Wenn ich das richtig verstanden habe, würde die FDP einem Tempolimit ausschließlich für Verbrenner zustimmen?“ Bernd Buchholz: „Um ehrlich zu sein, finde ich das einen Gedanken, dem wir uns nähern müssen.“

Aus rechtlicher Sicht können wir das nicht beurteilen. Nelly Waldeck von den Grünen sieht große juristische Hürden und nannte den Vorschlag einen „Quatschvorschlag“, Sybilla Nitsch (SSW) sah zusätzlich Umsetzungsschwierigkeiten.

Quellen:

Autobahnen die sichersten Straßen

„Unsere Autobahnen sind die sichersten Straßen Deutschlands“ ~ Bernd Buchholz, FDP

Das stimmt, doch darüber, ob ein Tempolimit sie noch sicherer machen könnte, wird nicht gesprochen. Laut Berechnung von DER SPIEGEL könnte ein Tempolimit von 130 km/h jährlich bis zu 140 Todesfälle verhindern.

Lukas Kilian, CDU

Chronologie der Tempolimit-Anträge

Lukas Kilian hat in seiner Rede so gut wie keine Fakten genannt, die sich inhaltlich auf eine Argumentation für oder gegen ein Tempolimit beziehen. Er hat eine Chronologie der politischen Geschehnisse zum Thema Tempolimit aufgezählt und sich damit nicht thematisch mit dem Antrag auseinandergesetzt, sondern den Antrag ins Lächerliche gezogen. Zu diesem Verhalten haben wir ein Statement geschrieben.

Initiative ist zum Scheitern verurteilt

„Auch die Spielart, den Antrag als Bundesratsinitiative einzureichen, ist sinnlos, da ohne eine Mehrheit im Bundesrat auch eine derartige Initiative ja zum Scheitern verurteilt ist.“ ~ Lukas Kilian, CDU

Es ist nicht immer sinnlos einen Antrag einzureichen, auch wenn er keine Erfolgsaussichten hat. Zumindest haben die viele Anträge, die beispielsweise im Bundestag gestellt werden, auch wenig Chancen auf Erfolg und werden trotzdem gestellt, weil die wenigsten ihre Position aufgeben, nur weil die Mehrheit eine andere Position besitzt. Es stimmt aber, dass Anträge ohne Erfolgsaussichten im Bundesrat eher nicht gestellt werden, weil es durch die dort fehlende Opposition deutlich weniger um die Debatte geht als im Bundestag.

Ohne einen Versuch kann man die Mehrheit nicht überzeugen. Außerdem ist die Hälfte der Landesregierungen, die ja im Bundesrat sitzen und abstimmen, von den Grünen oder der SPD geführt, weshalb ein Tempolimit-Antrag hier gar nicht unglaublich schlechte Erfolgsaussichten hat. Würde ein CDU-geführtes Bundesland für eine Tempolimit-Initiative im Bundesrat sorgen, wäre es nicht mehr so selbstverständlich, dass andere CDU-geführte Bundesländer nicht zustimmen. Der Widerstand aus anderen Landesverbänden der CDU, die an Regierungen beteiligt sind, könnte dadurch auch geringer werden – auch, weil das Tempolimit im Bundes-Koalitionsvertrag nicht mehr schriftlich abgelehnt wurde.

Quellen:

Claus Ruhe Madsen, Verkehrsminister und Vertreter der Landesregierung, CDU

Die Dänen lieben Autobahnen

„Dänen lieben Autobahnen.“ ~ Claus Ruhe Madsen, Landesregierung

Das ist sehr verallgemeinernd, es gibt keine Statistik darüber, dass Dänen Autobahnen lieben würden. Mehr zu dieser Art der Argumentation in unserem Statement.

Autobahnen: Die sichersten Straßen

„Die Autobahn in Deutschland ist die sicherste Straße, die wir haben. Über eine Milliarde Kilometer führt zu 1,3 Todesfällen. Trotzdem sind natürlich auch 1,3 Todesfälle 1,3 Todesfälle zu viel. Darüber brauchen wir gar nicht streiten.“ ~ Claus Ruhe Madsen, Landesregierung

Die Aussagen stimmen beide. Seine Einschränkung ist argumentativ ein wenig verwirrend, da Madsen sein Argument wieder entkräftet und seine Meinung durch die Argumentation nicht klar wird. Das angeführte Argument wird im Laufe der Zeit nicht wirklich entkräftet.

Quellen:

Unfallquote in Deutschland geringer

„Wenn wir einen Vergleich aufziehen zu Ländern, die kein Tempolimit haben, stellen wir fest, dass sehr viele Länder eine deutlich höhere [Unfalltoten-]Quote haben. Ja, es gibt aber auch Länder, jetzt will ich nicht Nordkorea wieder nennen, aber es gibt natürlich auch Länder, in denen die Quote niedriger ist, aber es ist zu mindestens in den Vergleich mit den Ländern, die wir uns üblicherweise vergleichen so, dass die Quote deutlich geringer ist.“ ~ Claus Ruhe Madsen, Landesregierung

Die Argumentation und die Formulierung ist unklar. Da alle Länder mit denen „wir uns üblicherweise vergleichen“, also alle Länder in Europa, ein Tempolimit haben, würde er damit sagen, dass in Ländern mit Tempolimit die Todesquote höher ist als in Deutschland. Es ist uns nicht klar von welchen Ländern die Rede ist und was er mit seiner Aussage meint. Sollte Herr Madsen davon sprechen, dass die Unfallquote in Deutschland geringer ist als in anderen Ländern: Laut Berechnung von DER SPIEGEL könnte ein Tempolimit von 130 km/h jährlich bis zu 140 Todesfälle verhindern.

Quellen:

30% der Autobahnen mit Tempolimit

„[Es ist] ja nicht so, dass wir zum einen kein Tempolimit grundsätzlich haben, aber wir haben auch nicht grundsätzlich freie Fahrt. Wir haben bereits heute schon 30% aller Bundesautobahnen, die mit einem Tempolimit belegt sind. Dazu kommen Baustellen, dazu kommen heutzutage immer mehr Fahrzeuge, E-Fahrzeuge, die von sich aus deutlich langsamer unterwegs sind.“ ~ Claus Ruhe Madsen, Landesregierung

Die erste Aussage stimmt laut Quellen aus dem Internet nicht ganz. Nur 21 % der deutschen Autobahnen sind mit einem generellen Tempolimit belegt, auf 9% wird das Tempo durch Verkehrsbeeinflussungsanlagen geregelt. Vermutlich hat Madsen als Verkehrsminister aber aktuellere Daten.

E-Autos können genau so schnell werden wie Verbrenner, wenn sie darauf ausgelegt sind. Das Fahren mit sehr hoher Geschwindigkeit verringert die Reichweite der E-Autos, sodass viele Fahrer*innen häufig nicht von der Höchstgeschwindigkeit Gebrauch machen.

Quellen:

Sybilla Nitsch, SSW

Schüler*innen einer Schule

„Mit großem Interesse habe ich den Beitrag des Umwelt-Magazins gesehen von Schülerinnen und Schülern [von Schule xy]“ ~ Sybilla Nitsch, SSW

Wir gehören schon seit einer Weile zu keiner Schule mehr und wollen unsere Schule nicht mit unseren Projekten in Verbindung bringen.

Umfragen zum Tempolimit

„Laut Umfragen – das ist auch sehr interessant – gibt es eine Mehrheit von gut 60 Prozent der Bevölkerung, die mittlerweile für ein Tempolimit ist oder es nicht ganz ausschließt. Die absolute Ablehnung liegt nur noch bei 12 bis 15 Prozent der Leute.“ ~ Sybilla Nitsch, SSW

Das ist ungenau. In den meisten Umfragen ist die Mehrheit, 60 Prozent der Bevölkerung für ein Tempolimit. 12 Prozent Ablehnung allerdings wurden in einer nicht-repräsentativen Umfrage der KN festgestellt. Dabei wird sich auf Schleswig-Holsteiner bezogen. In anderen Umfragen dagegen ergab sich eine Ablehnung von 40 Prozent. Einige Umfragen unterteilen auch in „Ja, auf jeden Fall“, „Eher ja“, „Eher nein“ und „Nein, auf keinen Fall“. Es ist schwierig, die Angaben in „nicht ganz ausschließen oder für ein Tempolimit“ und „absolut dagegen“ einzuteilen.

Quellen:

Nelly Waldeck, Grüne

Tempolimit kostet nichts

„Es kostet eben auch gar nichts, [ein Tempolimit] einzuführen.“ ~ Nelly Waldeck, Grüne

Doch, ein bisschen Geld wird die Einführung des Tempolimit kosten – wenn es dann vielleicht auch nur um aktualisierte Schilder an den Bundesgrenzen geht. Insgesamt wird ein Tempolimit aber mehr Geld einbringen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2023 kann ein Tempolimit von 130 km/h für „negative Kosten“ von mindesten 950 Millionen Euro im Jahr sorgen.

Quellen:

Bildquellen

Titelbild: Collage, Bild von Claus Ruhe Madsen: Von Kasa Fue – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112625066

Umweltschutz ist noch ein Thema, sogar eines der wichtigsten Themen. Das haben viele bekannte Personen, die sich auskennen, bestätigt. Sie haben mitgemacht bei unserer Aktion „Wir alle für Klimaschutz jetzt!“ und bekennen sich mit ihren verschiedenen Perspektiven zu Klimaschutz – jetzt!

Wir haben Pia Hahn interviewt. Sie ist Vorsitzende der Carl & Marisa Hahn-Stiftung – einer Stiftung, die sich mit Bildung, Nachhaltigkeit und sozialen Projekten befasst. Seit ein paar Jahren findet der von der Stiftung initiierte Schulwettbewerb „My school goes green“ statt, bei dem Wolfsburger Schulprojekte ausgezeichnet werden. 

Eindrücke von der Auszeichnungsveranstaltung

Quelle: hahn-stiftung.org/schuelerwettbewerb


Worüber wir gesprochen haben

Das Interview haben wir in zwei Abschnitte unterteilt. Zuerst haben wir Pia Hahn, die Stiftungsvorsitzende, zu ausgewählten politischen Themen befragt, um einen groben Eindruck von ihren umweltpolitischen Ansichten zu bekommen. Dann ging es konkret um ihre Stiftung: Woran arbeitet die Hahn-Stiftung, warum engagiert Pia Hahn sich dort? Was treibt sie an?

Beim Wettbewerb „My school goes green“ waren der Wolfsburger Oberbürgermeister, der Vorsitzende von VfL Wolfsburg, eine Führungskraft von Volkswagen sowie Peter Maffay anwesend. Mit Letzterem ergibt sich gegebenenfalls ein weiteres, vertiefendes Interview über die Gründe dafür, die Schirmherrschaft des Wettbewerbs zu übernehmen. Wir hoffen es einfach mal:)

Nun aber zuallererst: Bild- und Tonqualität sind sehr schlecht. Der Ton liegt leider an einem kleinen Fehler, den wir bei der Aufnahme gemacht haben. Wie die Bildqualität ist, hängt immer von der Internetverbindung der Beteiligten ab. Trotzdem wünschen wir ganz viel Spaß beim Ansehen des Interviews!

Interview



 

Daniel Günther ist der schleswig-holsteinische Ministerpräsident. Wir haben ihn interviewt, weil wir uns von Zeit zu Zeit immer mehr gefragt haben, wie er mit den Widersprüchen umgeht, die zwischen seiner und der Politik der Bundes-CDU herrschen:

Widersprüche


Daniel Günther - Markus Söder

“Anstatt einfach den Mund zu halten und zu sagen, wir kämpfen für eine starke CDU. Und eine starke CSU. Markus Söder führt diese Diskussion mit sich selbst.” ~ Daniel Günther

Daniel Günther - Markus Söder

“Es ist ein kleines und schönes Land mit schöner Landschaft, wirtschaftlich enormen Problemen, finanziell hoch verschuldet [… ] Ich würde mal sagen: Um die eigenen Probleme kümmern und dann mit einer ordentlichen Bilanz bundesweit auftreten, ist okay. Ansonsten kann ich nur sagen: [Meine] Position zu den Grünen ist die mehrheitliche Position der Unionswähler.” ~ Markus Söder

Daniel Günther über das Gendern

“Bei manchen Genderdebatten stellen sich mir auch die Nackenhaare auf, aber wir müssen begreifen: Es bringt uns gar nichts, wenn wir über so einen Mist diskutieren.” “Populistisches Draufhauen” helfe der CDU nicht, “die Leute gehen nahtlos zur AfD”. “Kurs der Mitte, sprachlich sauber bleiben, keine Debatten über das Gendern und andere Nebensächlichkeiten führen – den Leuten halt keinen Scheiß erzählen.” ~ Daniel Günther, zitiert in der Süddeutschen Zeitung

Daniel Günther - Friedrich Merz

“Wir müssen diese Möglichkeit, ein [AfD-] Parteiverbot anzustreben, dann auch nutzen. Diese Auffassung teile ich mit vielen.” ~ Daniel Günther

Daniel Günther - Friedrich Merz

[AfD-Verbot:] “Das riecht mir zu sehr nach politischer Konkurrentenbeseitigung” ~ Friedrich Merz

Daniel Günther - Carsten Linnemann

“Linke und AfD kann man nicht miteinander gleichsetzen.” ~ Daniel Günther

Daniel Günther - Carsten Linnemann

“Der Unvereinbarkeitsbeschluss ist gut so, wie er ist.” ~ Carsten Linnemann

mehr Beispiele jetzt im Interview

Viel Spaß beim Ansehen!


Das Interview

Mit Daniel Günther haben wir eine halbe Stunde über Klimakrise und Umweltschutz gesprochen. Es ging um Populismus und das Einhalten der Klimaziele. Es ging um die Frage, was Friedrich Merz denn tun würde, wenn unter dem Einhalten der Klimaziele der Wohlstand des Landes gefährdet wird. Laut Merz könnte man dann nämlich die wohlstandsgefährdenden Klimaschutzmaßnahmen nicht durchführen. Wir haben Günther gefragt, ob Verbote vielleicht doch nicht immer so schlecht sind und was er eigentlich von einem Tempolimit hält. Wir haben über Superreiche und Privatjets geredet. Umweltpolitik in Schleswig-Holstein war ein großes Thema. Wir haben ihn zu Robert Habeck befragt und ihm drei Geschenke überreicht, mit denen er etwas machen soll. Wie er geantwortet hat, als wir ihm einen Tempolimitsticker, eine Ausgabe von „Der Schimmelreiter“ sowie ein überraschendes Zitat von Konrad Adenauer gegeben haben, erfahrt ihr im Interview.



 

Als jemand, der in einer Ölstadt im Bundesstaat Zulia in Venezuela aufgewachsen ist, bin ich es gewohnt, Ölverschmutzungen zu sehen, wo immer ich hinschaue: in der Zeitung, in den Nachrichten und sogar hinter dem Haus eines Freundes. Aber was bedeutet Öl für die Venezolaner*innen, insbesondere für die Menschen im Bundesstaat Zulia, der Region, die die größten Ölreserven des Landes besitzt und auch die größten Mengen fördert?


Hinweis: Meinung und Übersetzung

Bitte beachtet, dass dies ein Kommentar ist. Wir, das Umwelt-Magazin, wollen die Themen Umwelt und Klima möglichst umfassend und vielseitig betrachten und lassen jede Person zu Wort kommen, deren Meinungen und ihr Verhalten (in Bezug auf das Themengebiet Klima und Umwelt) wissenschaftlich begründbar sind. Dieser Artikel gibt die Meinung unserer Autorin wider. Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Mitte der 1990er Jahre war für viele Venezolaner*innen, Öl zu haben, in der Ölindustrie zu arbeiten oder in der Nähe einer Ölpumpe zu arbeiten ein Symbol für Wohlstand. Es wurde als Quelle des Nationalstolzes und Reichtums angesehen. Heute steht es zumindest für mich für das Versagen einer Nation. Die Ölverschmutzungen in ganz Venezuela sind nicht nur Umweltkatastrophen, sie sind die direkten Folge der systemischen Korruption, der größten in der Geschichte des Landes.
Von Ölteppichen mitten im Meer, im Maracaibo-See und entlang der Küsten verschiedener Strände Venezuelas, wie beispielsweise Puerto Cabello, stellen diese Ölverschmutzungen eine erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt dar. Sie beeinträchtigen Meeres- und Landtiere sowie Menschen – besonders indigene Völker. Diese Ölverschmutzungen verursachen eine Reihe von Problemen: von Atemwegs- und Hauterkrankungen bis hin zur Kontamination von Tieren wie Schildkröten, Fischen, Rindern und Hunden. Dies schädigt das Ökosystem, da der Tod dieser Arten die Nahrungskette stört. Das Öl hat große Auswirkungen auf Gewässer. Der Maracaibo-See ist die Heimat vieler verschiedener Arten und dient vielen Menschen als Lebensgrundlage, darunter Fischern, Tourismus und Restaurants in der Nähe des Sees. Die Verschmutzung des Maracaibo-Sees wird durch Umweltfaktoren wie hohem Mineralgehalt im Wasser und massiver Algenblüte beeinflusst. Diese Algenblüten begannen vor etwa 20 Jahren nach einer Öllieferung aus den Vereinigten Staaten und haben seitdem explosionsartig zugenommen, wodurch sich das einst lebhafte blaue Wasser in ein trübes Grün verwandelt. Der Geruch ist unerträglich und das Wasser ist weder trinkbar noch sollte es berührt werden.



Wirtschaft

Diese Verschmutzung hat die lokale Fischereiindustrie zerstört. Viele Fischer, die für ihren Lebensunterhalt auf den See ihren Lebensunterhalt verdienen, haben nun Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie mussten mit ansehen, wie die Fischbestände aufgrund des verschmutzten Wassers zurückgehen. Noch schlimmer ist die Situation für Familien, die in Stelzenhäusern am Ufer leben. Diese Familien sind direkt vom See abhängig, um sich zu ernähren, mit Wasser zu versorgen und ihr Einkommen zu sichern. Doch mit der Verschlechterung der Wasserqualität des Sees gibt es zunehmende Schwierigkeiten, diese Lebensweise aufrechtzuerhalten. Ganze Gemeinden sind betroffen, ohne dass die Regierung sie bei der Bewältigung des Problems wirklich unterstützt.

Gesundheit

In der Nähe des Sees befinden sich zwei Universitäten – am Seeufer. Die Studierenden dieser Einrichtungen sind täglich der giftigen Verschmutzung ausgesetzt. Die Gesundheitsrisiken sind erheblich, und es gibt wachsende Besorgnis über die langfristigen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden. Von Atemwegsproblemen bis hin zu Hauterkrankungen und möglichen Langzeiterkrankungen – Die Risiken sind sehr real. Dies ist nicht nur ein Problem für Fischer oder Anwohner, sondern eine Krise der öffentlichen Gesundheit, die Menschen über Generationen hinweg betrifft.

Öl-Reserven weltweit im Jahr 2013: Venezuela ist an der Spitze

Auswirkungen auf die Tierwelt

Wildtiere, insbesondere Fische, Vögel und aquatische Arten, leiden unter dem Verlust ihres Lebensraums, Vergiftungen und reduzierten Nahrungsquellen, was langfristige Folgen für die Artenvielfalt hat. Hunde, Vögel, Schildkröten und andere Tiere, die in der Region leben, erkranken häufig oder sterben, weil sie mit dem giftigen Wasser in Berührung kommen. In einigen Fällen werden Tiere gefunden, die in Ölteppichen oder in Not geraten und der kontaminierten Umgebung nicht entkommen können.

Indigene Gemeinschaften

Ich möchte auch die Rolle der indigenen Gemeinschaften in diesem Kampf hervorheben. Viele der Wayuu, Pemon und anderer indigener Gruppen, die in der Nähe des Maracaibo-Sees leben, haben eine tiefe Verbindung zu Land und Wasser. Für sie ist dieser See nicht nur eine Quelle des Lebensgrundlage, sondern Teil ihrer Kultur und Identität. Diese Gemeinschaften kämpfen seit Jahren darum, seit Jahren für den Schutz ihres angestammten Landes und ihrer Lebensweise. Ihre Stimmen müssen in der breiteren Debatte über Ölverschmutzung gehört werden.

Diese beschriebenen Ölverschmutzungen beim Maracaibo-See sind keine Einzelfälle, sondern gibt es seit Jahren. Nicht nur dort. Tatsächlich hat Venezuela eine lange Geschichte der Ölförderung, aber die Verwaltung dieser Industrie ist von Ineffizienz und mangelnder Rechenschaftspflicht geprägt. Die Verschmutzungen treten regelmäßig auf, und obwohl einige vorübergehend behoben werden konnten, verschwindet das Problem nie wirklich.  Und jede neue Verschmutzung, die hinzu kommt, verschlimmert die ohnehin schon schlechte Situation. Die Verschmutzungen werden noch lange eine schmerzhafte Erinnerung an die Misswirtschaft des Landes mit seinen Ressourcen und die durch systemische Korruption verursachten Umweltschäden sein. Sie beeinträchtigen nicht nur die Ökosysteme und die Tierwelt, sondern auch die Gesundheit, die Lebensgrundlagen und die kulturelle Identität ganzer Gemeinden. Da Venezuela mit den Folgen seiner Ölabhängigkeit zu kämpfen hat, besteht ein dringender Bedarf an Rechenschaft, Umweltschutzpolitiken und Investitionen in alternative Energiequellen.

Doch trotz der Herausforderungen und der Schatten des Öls bleibt Venezuela ein Land mit großem Potenzial. Dieses Potenzial wird aber durch die anhaltende politische und wirtschaftliche Krise reduziert.

Bildquelle

  • Titelbild: By Fernando Flores from Caracas, Venezuela – Catatumbo Lightning | Rayo del Catatumbo, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51023191

Mit drei Jahren beginnt er mit dem Klavierspielen. Mit sechs Jahren spielt er mit dem Philharmonischen Orchester seiner Heimatstadt. Von Russland nach Deutschland wandert er als Kontingentflüchtling aus, absolviert sein Studium an einer Hochschule für Musik in Hannover mit der dort höchsten Punktzahl jemals. Er gilt als einer der besten Klavierspieler weltweit und hat zahlreiche internationale Auszeichnungen gewonnen, teils als jüngster Teilnehmer. Mittlerweile wurde ihm aber auch für seinen Kampf gegen Rechtsextremismus das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er setzt sich insbesondere gegen Antisemitismus ein und wird dadurch auch stark angefeindet. Auch bei Fridays for Future-Demonstrationen war er dabei und hat sich deutlich für mehr Klimaschutz positioniert: Igor Levit. Mit ihm sprechen wir über Klimaschutz in Zeiten, in denen populistische Kräfte an Zustimmung gewinnen.

Umwelt-Magazin: Sie haben Angela Merkel aufgrund ihrer Klimapolitik als Heuchlerin bezeichnet. Wie würden Sie Olaf Scholz im Umgang mit Klimaschutz bezeichnen?

Igor Levit: Das ist sehr viele Jahre her, oder? Wann war das?

Umwelt-Magazin: Das war im Jahr 2019.

Igor Levit: Ich würde Olaf Scholz im Umgang mit Klimaschutz, glaube ich, ähnlich beschreiben wie bei den meisten anderen Themen. Ich halte Olaf Scholz mittlerweile in seiner Art der Kommunikation, in seiner Arroganz, in seinem Nichtsprechen, Nicht-wirklich-Kommunizieren, wirklich für sehr, sehr schwer zu ertragen. Ich würde es wirklich nicht auf den Klimaschutz alleine reduzieren, sondern auf die allermeisten gesellschaftlichen Fragen. Der Mann ist ein Bundeskanzler. Er ist immer noch Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland – und zwar, wie der Name schon sagt, der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Es ist unser aller Kanzler. Er schafft es, nach der Brandenburg-Wahl, die so ausgegangen ist, wie sie ausgegangen ist, zu sagen, dass es ein tolles Ergebnis für die SPD sei. Ein tolles Ergebnis „für uns alle“. Dabei haben viele Menschen Politiker*innen gewählt, die für viele in diesem Land buchstäblich lebensgefährlich sind.

Ja, nee, das ist nicht ein tolles Ergebnis für uns alle. Insofern würde ich, glaube ich, nicht nur bezüglich Klimaschutz, sondern auch bezüglich vieler anderer Themen sagen: „Ich fühle mich von meinem Bundeskanzler nicht mehr repräsentiert.“

Fridays for Future & Greta Thunberg

Umwelt-Magazin: Sie haben sich hiermit wie auch schon in der Vergangenheit politisch geäußert. Sie sind befreundet mit Robert Habeck. Sie sind Mitglied der Grünen. Sie haben bei Fridays-for-Future-Demonstrationen mitgewirkt. Wieso verbinden Sie sich als Musiker mit Parteien und Politik. Schadet einem das nicht eher?

Igor Levit: Ob mir das schadet, ist keine Frage, die ich mir je gestellt habe. Ich fühle mich als Bürger dieses Landes verpflichtet, Engagement zu zeigen. Eine Demokratie lebt, steht und fällt mit dem Engagement eines jeden Einzelnen. Wir alle haben Verantwortung, wir alle suchen uns gewisse Wege, wie wir dieser Verantwortung nachkommen. Ich bin der Partei der Grünen beigetreten vor gar nicht mal so wenigen Jahren, weil ich ein sehr starkes und enges Vertrauensverhältnis zu einigen Akteur*nnen der Grünen habe. Ich habe das auch nie bereut, bin aber sehr kritisch mit der Partei. Das ist ja auch gut so. Aber vor allem bin ich Staatsbürger. Wie sollen mir denn Engagement und eine Verbindung zu einer Partei denn schaden? Also: Nein, ich habe mir darum nie Gedanken gemacht. Ich werde mir darum keine Gedanken machen. Wer das zum Thema machen will, der soll es probieren.

Umwelt-Magazin: Haben Sie in der Vergangenheit irgendwelche Beschimpfungen erlebt, weil Sie Mitglied der Grünen waren?

Igor Levit: Keine, die ich besonders ernst genommen habe.

Umwelt-Magazin: Greta Thunberg äußert sich seit einem Jahr nicht selten pro-palästinensisch und ist gleichzeitig eine Art Ikone der Klimabewegung. Viele Menschen, auch Politiker*innen, haben sich daraufhin von Greta Thunbergs Äußerungen distanziert und sie kritisiert. Wie sollte man mit den Äußerungen Ihrer Meinung nach umgehen?

Igor Levit: Wie man mit diesen Äußerungen umgehen soll? Jeder soll sich selber im Spiegel anschauen. Für mich ist Greta Thunberg mittlerweile seit diesem Jahr eine politische und moralische Persona non grata.

Umwelt-Magazin: Finden Sie, man sollte sich, wie es Fridays for Future Deutschland gemacht hat, von den Organisationen, die Thunbergs Meinung teilen, abkapseln? Oder sollte man sagen, nur wenn wir alle zusammen für Klimaschutz kämpfen, sind wir stark?

Igor Levit: Was Fridays for Future Deutschland gemacht hat und auch proklamiert hat, dem habe ich nichts hinzuzufügen.

„Ihr könnt alle Umweltschutzfragen in den Rucksack packen und aus dem Fenster werfen, wenn ein Land von Extremisten regiert wird“

Umwelt-Magazin: Okay – Hat für Sie der Kampf gegen Antisemitismus, gegen Extremismus, etwas mit Umweltschutz zu tun?

Igor Levit: Ihr könnt alle Umweltschutzfragen in den Rucksack packen und aus dem Fenster werfen, wenn ein Land von Extremisten regiert wird, die einen der entscheidenden Punkte, der für die Gesundheit und das Bestehen jeder Demokratie von essenzieller Bedeutung ist, mit Füßen treten: das faktische Kommunizieren. Wenn dieses Land irgendwann von Menschen regiert werden sollte, die einfach keine Fakten mehr kennen, sondern nur noch über Gefühle gehen, dann gibt es keinen Klimaschutz mehr. Insofern ist der Kampf gegen Demokratiefeinde, von welcher Seite auch immer, das Fundament für jede Form des Kampfes für den Klimaschutz.

Umwelt-Magazin: Ist das nur die AfD oder sind das auch noch andere Parteien?

Igor Levit: Es gibt auch andere. Es ist die AfD, es ist das BSW, es sind aber auch Bewegungen auf der Straße. Noch einmal: Jede Bewegung, die das demokratische Miteinander als solches mit Füßen tritt und gefährdet – praktisches Sprechen gefährdet, Menschen gefährdet – kann niemals Partner sein für eine Klimaschutzbewegung. Und wer da verwässert, dem glaubt man weder das eine noch das andere.

Umwelt-Magazin: So ein typisches Konzerthaus, wie nachhaltig ist das?

Igor Levit: Das kann ich nicht pauschal beantworten, das müsste jedes Konzerthaus selbst beantworten. Das kann ich nicht sagen.

Als Prominente*r öffentlich für Klimaschutz eintreten?

Umwelt-Magazin: Gibt es da einige Vorbilder oder macht man sich da überhaupt Gedanken drüber?

Igor Levit: Man macht sich immer mehr Gedanken drüber. Es ändert sich das Reiseverhalten, es ändert sich das… Natürlich macht man sich da Gedanken drüber. Jedes Konzerthaus, jede große Institution und sei es aus Gründen der Kosten, macht sich natürlich Gedanken darüber, wie es nachhaltig funktionieren kann. Selbstverständlich. Aber wie jetzt ein Haus konkret aufgestellt ist, das kann ich euch so nicht sagen.

Umwelt-Magazin: Wie stark ist das Bewusstsein für Klimaschutz in der Profimusik-Branche? Kann man das besser sagen?

Igor Levit: Es gibt solche und solche. Musikerinnen und Musiker sind auch nur Menschen. Es gibt welche, für die ist das von sehr großer Bedeutung. Es gibt welche, für die ist das von keiner großen Bedeutung. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der mir gesagt hat: „Das ist mir egal.“ Für manche ist das eben einfach nicht der Hauptfokus, aber ich glaube: Es gibt kaum mehr jemanden, der das Thema des Erhaltens von Lebensgrundlagen nicht für essentiell hält. Aber noch einmal: Ohne ein politisch halbwegs gesundes, faktenbasiertes, nicht Menschenleben-gefährdendes Fundament, können wir uns jede Klimapolitik einfach sparen.

Umwelt-Magazin: Viele bekannte Persönlichkeiten haben sich im Gegensatz zu Ihnen bisher noch nicht zu Klimaschutz geäußert – Nicht nur zu Klimaschutz haben sie sich nicht geäußert, sondern zum Zustand der Demokratie insgesamt. Sie haben sich noch nicht politisch geäußert. Haben Sie eine Idee, warum?

Igor Levit: Auch das wieder: Müsst ihr jeden Einzelnen und jede Einzelne selbst fragen. Ich kann niemandem Dinge vorschreiben – niemand muss, alle sollten, ja, aber niemand muss. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Die Entscheidung, sich zu äußern, sich zu engagieren, ist auch Teil von einer freien Gesellschaft. Da darfst du auch sagen: „Nein, ich will nicht. Ich kann nicht. Der Preis dafür ist zu hoch, ich habe Angst, etc.“ Jeder hat das Recht, das zu denken. Ich ticke nur anders. Ich würde auch niemandem pauschal daraus einen Vorwurf konstruieren. Es gibt welche, die sind einfach ignorant. Kann sein. Das ist leider so. Manche Menschen sind ignorant. Aber, hey, nochmal, freie Meinungsäußerung, freie Gesellschaft. Das gilt so. Ihr könnt niemanden zwingen, ihr solltet niemanden zwingen zu etwas, was ein souveräner Mensch nicht will. Ich finde es schade, ich finde es falsch. Aber ich werde niemanden deswegen an den Pranger stellen. Und dann gibt es einfach welche, die gewisse Ängste haben und die kann ich sehr nachvollziehen. Ich ticke anders, ich tue es trotzdem, aber ich kann jeden verstehen, der sich fragt, ob er bereit ist, den Preis einer gewissen Öffentlichkeit und eines gewissen Engagements zu zahlen.

Umwelt-Magazin: Würden Sie sagen, die Bereitschaft, sich als Prominenter politisch zu äußern, hat sich gewandelt in der letzten Zeit?

Igor Levit: Ja.

Umwelt-Magazin: Beim Klimaschutz und Demokratie insgesamt, beim Sprechen über Populismus oder an welcher Stelle?

Igor Levit: Ja, natürlich. Es braucht einen Knopfdruck auf deinem Handy, um jemandem zu schreiben: „Ich finde dich, ich schlage dich.“ Es braucht ein Knopfdruck, um zu schreiben: „Ich weiß, du bist [an dem und dem Datum] auf der Bühne, [an dem und dem Ort], ich schieße dich von der Bühne.“ Es braucht nicht einmal jemanden, der das ernst meint. Es braucht nur jemanden, der ein Knopfdruck tätigt. Insofern ist der Preis, den man mental bezahlt, teils sehr hoch. Und zu entscheiden, ob man das will, liegt bei jedem Einzelnen und jeder Einzelnen. Niemand von außen, außer die Menschen, die es betrifft, hat das Recht, dies zu kritisieren.

Wir alle für Klimaschutz jetzt!

Umwelt-Magazin: Sie haben es ja wahrscheinlich mitbekommen: Wir haben verschiedene Menschen angeschrieben und manche haben uns zugesagt für ein Interview, Sie zum Beispiel – Die meisten haben uns natürlich nicht zugesagt – und andere haben uns für Videobotschaften zugesagt. Wir wollen die Videobotschaften auf unserer Internetseite veröffentlichen und möglichst verschiedene Perspektiven zusammenbringen. Und jetzt fragen wir Sie: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Botschaft zur Umweltkrise an die Menschheit zu richten, was würden Sie inhaltlich sagen? Natürlich sind wir nicht die Menschheit, aber (…)

Igor Levit: Der Themenkomplex des Umweltschutzes, wenn der euch wichtig ist, und wenn ihr euch darum sorgt, wenn ihr möchtet, dass sich Dinge verändern, dass das Thema im Fokus bleibt, dass das faktenbasierte, wahrheitsbasierte Denken im Fokus bleibt: Dann engagiert euch dafür, dass Extremisten nicht das Ruder in diesem Land übernehmen – weil ihr euch ansonsten von diesem Thema politisch eigentlich verabschieden könnt. Das ist meine Botschaft.

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